4. Oktober 2018

Neue Chancen durch KI auch in der Medizin?

künstliche Intelligenz

Gesundheitsminister Jens Spahn hat schon 2016 an einem Buch als Co-Autor mitgeschrieben, das den zeitgeistigen Titel trägt: „App vom Arzt: Bessere Gesundheit durch digitale Medizin“. Vor kurzem folgte im Interview mit der Augsburger Allgemeinen die Anmerkung: „Ich selbst habe eine App auf dem Handy, die mit 20 oder 30 Fragen Diagnosen genauer trifft als viele Ärzte, weil sie auf so viele Studien und Informationen zurückgreifen kann, wie es kein Arzt alleine kann.“

Doch warum stellt er die App als Konkurrenz dar? Wenn man genauer hinschaut, dann handelt es sich bei dem vermeintlichen Mitbewerber um die Zuständigkeit für die Gesundheit Deutschlands um eine wirklich wegweisende innovative App, die nicht versucht, Ärzte zu ersetzen, sondern Patienten zu helfen.

Die App heisst Ada Health und hat es mit solidem 7-jährigem Vorlauf innerhalb der letzten 2 Jahre zur #1 der Medizin-Apps in 130 Ländern gebracht.

Mit einer Finanzierung von initial 2,5 Mio und zuletzt 40 Mio Euro konnten 120 Mitarbeiter zusammen mit 40 Ärzten und Medizinjournalisten eine Programmierung realisieren, die bereits 4 Mio Nutzern mit 7 Mio Symptomanalysen helfen konnte. Umgerechnet auf den Preis pro Diagnose würde sich mit Sicherheit einige (Zahn-)Ärzte hier wiederfinden, aber das Potential der von den Gründern Daniel Nathrath, Claire Novorol und Martin Hirsch realisierten Idee zielt natürlich auf zukünftig höhere Nutzerzahlen.

Aber ist eine solche Diagnose-App jetzt Feind oder Freund?

OK, wir alle mögen „Doktor Google“ nicht wirklich – wenn unsere Patienten sich ihre Symptome, Diagnosen und leider auch Therapieoptionen zurechtgooglen, dann haben die Ergebnisse oft Gemeinsamkeiten mit einer Mischung aus dystopischen Zukunftsvisionen und Marketing-Strategien der Pharma- und Medizinprodukteindustrie, die dort Werbung geschaltet hat. Bei einer Standard-Google-Suche findet man eben zuerst Anzeigen, dann Katastrophen, in der Folge Therapeuten der verschiedensten Arten und erst ganz zum Schluss vielleicht mal eine wissenschaftliche Studie.

Damit hat Ada Health aber tatsächlich nichts zu tun, da hier Symptome abgefragt werden und die jeweilige Antwort in der App zu einer Konkretisierung der folgenden Frage führt.

Als Nutzer hat contimedu ein paar typische und ein paar ungewöhnliche zahnmedizinische Themen bei Ada Health getestet und tatsächlich ein sehr schlüssiges Fragekonzept mit den jeweils zutreffenden „Symptomanalyse“-genannten Diagnosen und Differentialdiagnosen erhalten.

Ganz ehrlich, wo soll hier das Problem liegen? Wenn die App z.B. bei der „Symptomanalyse“: CMD als Tipp vorschlägt, dass es sich hier nicht um einen Notfall handelt, der Zahnarzt aber beim nächsten Termin darauf angesprochen werden sollte, dann ist das doch genau in unserem Sinn.

Weniger Notfälle, Patienten, die über unsere Fragen zu Ihren Symptomen schon einmal im Vorfeld nachgedacht haben und letztlich auch weniger Zweifel an den Diagnosen, die der Patient selbst schlecht nachvollziehen kann (Bsp. chronische Parodontitis mit Taschentiefen zwischen 4 und 5 mm) sind es auf jeden Fall wert, einer App positiv gegenüber zu stehen, die kostenlos einen Teil der Aufklärung übernimmt.

Aus welchem Grund ausgerechnet vom Gesundheitsministerium hier ein Wettbewerb veranstaltet wird  – „…genauer als viele Ärzte…“ – können wir bei contimedu nicht nachvollziehen.

Allerdings gibt es einen Punkt im o.g. Interview, mit dem der Minister definitiv ins Schwarze trifft: „Verglichen mit anderen Branchen hinkt die Medizin bei der Digitalisierung noch weit hinterher. Wenn in einer Branche noch gefaxt wird, dann im Gesundheitswesen.“ Das trifft z.B. auf die Anmeldung zu Fortbildungen mit einem enorm hohen Prozentsatz zu.

Allerdings helfen auch Machwerke wie die DGSVO diesbezüglich nicht weiter, wenn jeder Versuch zur Kontaktaufnahme mit den seit Jahren vertrauten Patienten auf einmal schriftlich bestätigt werden muss.

Leider muss zur Zeit der Spagat zwischen legaler Patientenkommunikation per Schneckenpost und zeitgemäßer Ansprache über aktuelle Medien mit Abmahngefahr jedem Kollegen eigenverantwortlich gelingen. Da hilft zur Zeit auch die KI nicht wirklich, ist aber eine Chance andere neue Wege zu gehen.

Frank JochumAutor

Frank Jochum



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